Nicht mehr von dieser Welt: Altmaiers Ammenmärchen von den Flüchtlings-Fachkräften

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Wenn der Mann nicht schon früher abstruse Visionen präsentiert hätte, könnte man Peter Altmeiers neueste Schnapsidee mit einer Gehirnerschütterung als Folge seines Bühnensturzes von letzter Woche erklären. Doch leider meint er es bierernst – und beweist, in welcher Scheinwelt die Bundesregierung inzwischen lebt: Der Bundeswirtschaftsminister fordert die deutsche Wirtschaft auf, die „zahlreichen offenen Stellen“ im Land mit Flüchtlingen zu besetzen.

Wenn Integrationswissenschaftler, Soziologen, Migrationslobbyisten oder grüne Berufspolitiker vom biographischen Schlage Kreißsaal – Hörsaal – Plenarsaal derartige Forderungen stellen, kann man dies mit ihrer vollkommenen Ahnungslosigkeit über berufliche Qualifikation, spezifische Eignungen, kulturell-sprachliche Adaptionsfähigkeit oder technisch-fachlich Spezialanforderungen entschuldigen; wer nie in der freien Wirtschaft arbeitete und keinen Plan hat, wie, wo und von wem die Mittel erarbeitet werden, mit denen letztlich akademische Luftschlösser und weltfremd-theoretischen Planspiele finanziert werden – für den ist eine offene Stelle nichts als eine offene Stelle, die durch jeden besetzt werden kann, wenn nur seine Augen begeistert strahlen und sein Herz voll Gold ist.

Etwas anderes aber ist es, wenn Bundeswirtschaftsminister, der als offizielles Scharnier zwischen Industrie, Dienstleistern, Unternehmertum und Politik fungiert und Ahnung von den Belangen der Wirtschaft haben sollte, naive Appelle ins Land posaunt und dabei all die massiven Schwierigkeiten ignoriert, die sich bei der beruflichen Integrationsfähigkeit der sogenannten „Geflüchteten“ seit Jahren in immer schonungsloser zutage tretender Deutlichkeit ergeben. Denn vakante Jobs sind nicht deshalb vakant, weil sich die Personalabteilungen deutscher Firmen bisher weigerten oder Vorurteile hätten, sie mit Flüchtlingen zu besetzen. Sondern die Stellen sind offen, weil es – ganz abgesehen von Integrationshindernissen wie kulturellen oder sprachlichen Barrieren – schlichtweg keine geeigneten Bewerber gibt. Die Qualifikation der übergroßen Mehrheit der nach Deutschland gelangten Migranten ist nämlich dürftig bis gar nicht vorhanden. Wer mit Personalbüros, Agenturen, Headhuntern und Arbeitsmarktexperten spricht, ja wer nur in Jobbörsen im Netz sucht, merkt rasch: Deutschlands Unternehmen leiden unter verbreitetem Stellenmangel – doch dessen Lösung liegt leider nicht in den Heerscharen der Hergeflüchteten.

Unbeirrte Durchhalteparolen von 2015

Dabei ist hier noch nicht einmal vom bis zum Klischee abgenutzten Begriff „Fachkräfte“ die Rede, sondern alleine schon von einfachsten, niedrigsten Erwerbstätigkeiten, für die die Minimalgrundlagen fehlen. Namhafte Bildungsforscher, etwa Ludger Wößmann vom ifo-Institut, legen in aktuellen Studien verlässliche und seriös ermittelte Informationen über die Qualifikation und das Bildungsniveau von Flüchtlingen vor. Diese zeichnen ein, wie der Blog „Gottunddiewelt“ kürzlich schrieb, „niederschmetterndes Bild“. Da nach internationalen Vergleichskriterien (u.a. die OECD-Grundkompetenzen nach PISA-1) in ganz Syrien nur 65 Prozent, in Albanien sogar nur 59 Prozent einen Basisschulabschluss erreichen, der sie zum Lesen, Schreiben und den Grundrechenarten befähigt und sie somit auf den Bildungsstand eines deutschen Grundschulabsolventen bringt, fehlt es Flüchtlingen aus den beiden Hauptherkunftsländern bereits an den Mindestvoraussetzungen für den Zugang zum Arbeitsmarkt. Wößmanns ifo-Studie zieht ein bitteres Fazit: „Vom Lernstoff her hinken syrische Achtklässler gleichaltrigen deutschen Schülern im Mittel um 5 Schuljahre hinterher. Wahrscheinlich werden die meisten von ihnen nie auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß fassen.“ Hinzu kommt, wie „Gottunddiewelt schreibt“: Die Bildung von Flüchtlingen aus Afghanistan, Eritrea oder Somalia ist sogar noch schlechter als die von Syrern. Und die minimale Alphabetisierungsquote nach Sprachniveau B1 sinkt von Jahr zu Jahr – laut den zitierten Studien erreichen sie in diesem Jahr nur noch 14 Prozent der Sprachkursteilnehmer; vor zwei Jahren waren es noch 23 Prozent.

Deutschland ächzt unter Elends- und Wirtschaftsmigranten

Zusammengefasst bedeutet dies: Nach Deutschland gelangen überwiegend ungebildete, ungelernte und auch nicht kurz- bis mittelfristig weiterbildungsfähige Personen. Dies deckt sich mit der eindeutigen Beobachtung, dass es bei den Fluchtbewegungen nach Deutschland eben überwiegend um keine humanitär motivierte oder alternativlose Schutz- oder Asylsuche handelt, sondern um eine kalkulierte Elendsmigration von Wirtschaftsflüchtlingen, von Subjekten also, die auch schon in ihren Herkunftsländern sozial abgehängt waren. Dies spiegelt auch der extrem hohe Anteil der Flüchtlingen an der Gesamtzahl der Arbeitslosengeldbezieher wider, der von Jahr zu Jahr zunimmt: 2019 liegt er bei 46 Prozent, vor drei Jahren waren es 36 Prozent. Von den hier lebenden Syrern – als der größten und immer wieder hervorgehobenen Flüchtlingsgruppe – beziehen drei Viertel (74,9 Prozent ) Hartz IV; bei Eritreern sind es 63 Prozent, bei Somalis 49 Prozent. Die Versuche, diese Personen ins Arbeitsleben zu integrieren, sind jedoch „mehr als ernüchternd“, schreiben die Studienautoren. Diese Zahlen erklären die völlig aberwitzigen öffentlichen Ausgaben für Flüchtlinge, die sich laut Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft und des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung aktuell auf 50 Milliarden Euro pro Jahr belaufen (das Kieler Institut für Wirtschaftsforschung kommt gar auf 55 Milliarden Euro).

Wirtschaftsminister Altmaier verschweigt solche bitteren Fakten freilich – sind sie doch ausnahmslos und ausschließlich das Resultat der verantwortungslosen Politik und des Totalversagens seiner hochgeschätzten Kanzlerin und Mentorin. Stattdessen setzt er unbeirrbar weiter auf dieselben Phrasen, die seit 2015 unverändert zu hören sind – und die heute sogar noch falscher, noch fahrlässiger anmuten als damals: „Unternehmen sind gut beraten, das Potenzial von Geflüchteten zur Fachkräftesicherung zu nutzen!“ Dies predigte Altmaier heute anlässlich des Jahrestreffens der sogenannten „Willkommenslotsen“ der Bundesregierung. 130 dieser „Lotsen“ aus dem ganzen Land hatten sich heute in Berlin getroffen, um über „nachhaltige Integration von Geflüchteten in Ausbildung und Arbeit“ zu diskutieren. Das „Lotsen“-Programm ist ein dem verzweifelten Aktionismus der Regierung entsprungenes Propagandaprojekt aus dem Jahr 2016, bei denen der Staat „Berater“ dafür bezahlt, deutsche Unternehmen „vor-, während und nach einer Stellenbesetzung beratend zur Seite stehen“. Die „Lotsen“ suchen Betriebe vor Ort auf, „sensibilisieren“ sie für das Thema „Fachkräftesicherung“ und beraten sie über die Rahmenbedingungen einer möglichen Einstellung „geflüchteter Drittstaatsangehöriger“. Dabei sollen sie – so stellen sich das Integrationsphantasten der Regierung jedenfalls vor – die Firmen „bei zentralen Fragen zu Ausbildung, Beschäftigung, Sprachförderung, Aufenthaltsstatus, Qualifikationsbedarf sowie zu Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten begleiten“, wie „dts Nachrichtenagentur schreibt.

„Lotsen“-Programm als Verzweiflungsmaßnahme

Laut Wirtschaftsministerium hatten 2018 mehr als 7.500 Unternehmen diesen Service in Anspruch genommen (der mit finanziellen Anreizen für einstellungs- und ausbildungswillige Betriebe verbunden ist, was wohl der Hauptgrund für den Zuspruch war) – wodurch 4.000 Ausbildungs- und Arbeitsplätze sowie 5.500 Praktikumsplätze vermittelt werden konnten. Doch selbst diese mageren Erfolge stehen in keiner Relation zum personellen Aufwand und zu den dafür verblasenen Steuermillionen – und sie sind mehr als kurzlebig: Laut IHK München/Oberbayern brachen 70 Prozent der „aus Krisen- und Kriegsgebieten geflüchteten Personen“, die in Deutschland seit 2016 eine Berufsausbildung begannen, diese wieder ab (zum Vergleich: bei deutschen Azubis lag die Abbrecherrate bei 25 Prozent).

Doch unverdrossen leiert Altmaier seine Durchhalteparolen herunter: „Das Ziel muss sein, möglichst viele Menschen nachhaltig in den Arbeitsmarkt zu integrieren“. Menschen also, die als Flüchtlinge eigentlich nur temporären Schutz und Aufenthalt genießen dürften und irgendwann (nämlich nach Wegfall der Fluchtursachen) wieder in ihre Heimatländer zurückkehren sollten, in einen Arbeitsmarkt zu integrieren, für den ihnen nachweislich die Voraussetzungen fehlen: Was der Bundeswirtschaftsminister da postuliert, ist nachgerade ein Aufruf zur Selbstsabotage der deutschen Wirtschaft. Für die bereits Aufgewachten im Land hört es sich inzwischen wie eine Provokation an. (DM)

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